Archiv für November 2010

Brauner Eventmanager: Neonazikader unter der Lupe: Ingo Haller

Das „größte Loch im Kreis Düren“ wird der Tagebau Hambach scherzhaft im Volksmund genannt. Hier fördert die RWE Power AG Braunkohle. Namensgebend ist der benachbarte Ort Hambach, Teil der Gemeinde Niederzier. Am Ortsrand plätschert der Ellebach, außer dem Schloss Hambach und der Burg Obbendorf gibt es nicht viel zu sehen. Rheinische Provinz eben. Doch die Idylle trügt: Aus dem Dorf organisiert Ingo Haller die regionalen braunen Aktivitäten. Zwischen Aachen, dem Erftkreis und Euskirchen ist der 38jährige Multifunktionär der einflussreichste Akteur innerhalb der NPD. Er ist Vorsitzender des Dürener Kreisverbandes, Mitglied im NPD-Landesvorstand und sitzt seit 2009 für seine Partei im Kreistag Düren. Der Dürener NPD-Kreisverband gilt als eine der aktivsten Parteigliederungen in NRW. Überregional profilierte sich Haller, der als Organisationstalent gilt, in der NS-Szene als Veranstalter der sogenannten „Kevin-Plum-Märsche“ in Stolberg (Städteregion Aachen).

Politischer Spätzünder

Eigenen Angaben zufolge stammt Haller aus einfachen Verhältnissen. Der Sohn eines Metzgers und einer Frisörin besuchte ein Internat in Nordbayern, welches er mit dem Hauptschulabschluss verließ. Es folgte die Prüfung zum Zeltrichtmeister und eine Ausbildung zum Industriemechaniker, anschließend kam er im elterlichen Betrieb unter und landete nach einer gescheiterten Selbstständigkeit im Veranstaltungsbereich schließlich bei einem Zeltverleih in Erftstadt (Rhein-Erftkreis) – als „Führungskraft“, wie er selbst betonte. Haller ist ein politischer Spätzünder, erstmals trat er bei der Landtagswahl 2005 als Kandidat im Wahlkreis 12 (Düren II – Euskirchen II) für die NPD öffentlich in Erscheinung – zu diesem Zeitpunkt war der gebürtige Dürener immerhin schon 32 Jahre alt. Sein damaliges „Programm“ liest sich vor dem Hintergrund, dass der Dürener NPD-Kreisverband mittlerweile offen neonazistische Positionen vertritt, vergleichsweise moderat: „Deshalb fordere ich für Düren: 1. Deutsche Unternehmen müssen gerade bei öffentlichen Ausschreibungen bevorzugt behandelt werden, damit diese Arbeitsplätze halten und neue schaffen können. 2. Unbürokratische Wege auf sämtlichen Ämtern statt Akten-Verschiebungsanstalten. 3. Förderung von Schulen und Jugendeinrichtungen; 4. mehr Beschäftigung für unsere Jugend, damit diese erst gar nicht nicht in den Weg der Kriminalität gerät.“

Aufbau von Parteistrukturen

Als Haller zur Partei stieß, verfügte die NPD im Raum Düren nicht über handlungsfähige Strukturen. Die wenigen Mitglieder im Kreisgebiet wurden kommissarisch vom Aachener NPD-Kreisverband um Willibert Kunkel und Oliver Harf, beide damals NPD-Vertreter im Stadtrat von Stolberg, betreut. Noch im Vorfeld der Landtagswahl 2005 mussten Mitglieder des Aachener Verbandes in Düren Unterstützung bei der Sammlung der notwendigen Unterstützerunterschriften sammeln. Gemeinsam mit René Laube, dem zwischenzeitlich von Langerwehe nach Vettweiß-Kelz (beides Kreis Düren) verzogenen „Kameradschaftsführer“ der 2001 gegründeten „Kameradschaft Aachener-Land“ (KAL) trieb Haller den Aufbau von NPD-Strukturen in Düren voran. Anfang 2006 konstituierte sich unter der Ägide des Kreisverbandes Aachen in Düren ein eigenständiger Ortsverband. Die sieben Gründungsmitglieder wählten Ingo Haller zum Vorsitzenden. Die Partei schwenkte schnell auf einen aktionistischen Kurs. Eine erste größere Veranstaltung fand im Juli des Jahres in Form eines Sommerfestes statt, das in der am Rande der Dürener Innenstadt gelegenen Kneipe „Gütershop“ stattfand und an dem nach NPD-Angaben 130 aus dem gesamten Bundesland angereiste Neonazis teilgenommen haben sollen. Bis zur Schließung der Gaststätte – der Vermieter hatte die Immobilie nach mehren antifaschistischen Demonstrationen verkauft – im November 2007 diente diese als überregionaler Anlaufpunkt für die Neonazi-Szene und als Veranstaltungsort für kleinere Versammlungen der lokalen NPD. Im Herbst 2006 begann die Dürener NPD damit, zahlreiche Infostände in Düren und anderen Kommunen des Kreises durchzuführen. Aus Sicht der Partei mit Erfolg, denn die Zahl der Mitglieder stieg so schnell an, dass bereits zum Ende des Jahres der Ortsverband in einen eigenständigen Kreisverband umgewandelt werden konnte. Endlich wurde Haller Kreisvorsitzender und konnte aus dem Schatten des Stolberger Kunkel, bis dahin einflussreichster NPD-Funktionär in der Region Aachen, treten. Seitdem ist der Kreisverband Düren fest in der Hand der Familie Haller. Die wichtige Funktion der Kreisschatzmeisterin wird von Christine Haller, Ehefrau des umtriebigen Aktivisten, ausgeübt. Besonders eng arbeitet Haller mit der KAL zusammen. Die Gruppe ist durch Doppelmitgliedschaften eng mit der NPD verwoben und leistet aktive Unterstützung der Parteiarbeit im Kreis Düren. Haller revanchierte sich für die tatkräftige Hilfe, indem er 2007 und 2008 sein damaliges Grundstück in Inden-Pier für die „Schlageter-Treffen“ zur Verfügung stellte. Mit diesen glorifizieren „Kameradschaften“ aus dem Rheinland den Rechtsterroristen Albert Leo Schlageter. Maßgeblich organisierte die Veranstaltungen die KAL. Die Gruppe geriet im September 2010 bundesweit in die Schlagzeilen, als ihr Aachener Aktivist Falko Wolff verhaftet wurde. Dem 19jährigen wird die Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens vorgeworfen. (mehr…)